Beobachtungen und Gedanken des Löwen in Hamburg

13.08.2006 - Wie der Senat mir 50 Cent abpresste

   ...oder warum ich ein Blogger wurde

 

Ich war kaum ein paar Minuten unterwegs und bestaunte noch fasziniert alles Neue um mich her, da überkam mich ein gar löwisches Bedürfnis. Mich umblickend, stellte ich fest, dass ich vor dem Rathaus stand. Beim letzten Mal hatte ich schon festgestellt, dass das Rathaus mittlerweile für jedermann zugänglich war, und von dieser neuen Freiheit war ich begeistert.

 

Ich trat also an dem blauen Schutzmann vorbei mit vielen Menschen zusammen ein und wandte mich an einen Bediensteten an einem Informationsstand. Ihn fragte ich, wo sich die Toiletten befänden.

Er wies mir bereitwillig den Weg: Zur Tür hinaus und linker Hand die Treppe hinunter.

Überrascht folgte ich der Beschreibung. Sonderbar... Über Toiletten im Freien war man doch schon lange hinweg, oder etwa nicht? Was wohl aus den Wasserklosetts geworden war?

 

Kaum war ich die Treppe hinabgestiegen, wurde mir mein Irrtum klar: Dort befand sich, in einem modisch in Kacheln und Beton gehaltenen Tunnel, tatsächlich eine Toilette. Allerdings hinter einer Art kleinem Schlagbaum, wo von jedem 50 kleine Münzen verlangt wurden, so er eintreten wollte.

 

Soviel hatte ich nun doch schon mitbekommen, dass heutzutage Kaufhäuser, Kirchen und andere ihren Mitbürgern kostenlos Toiletten zur Verfügung stellten.

Mit einem Seitenblick auf zwei arme Menschen, die im Tunnel auf dem Boden saßen, begab ich mich also wieder in die Ratshalle. Die Armut gab es noch allzu sehr -das war doch auch schon mal besser?

 

"Hallo, da bin ich wieder. Und wo haben Sie die kostenlosen Toiletten?"

Der Bedienstete starrte mich lächelnd an.

"Es gibt keine."

"Wie, es gibt keine? Die Bürger dieser Stadt können nicht in ihrem eigenen Rathaus auf Toilette gehen?"

Er starrte weiter, doch das Lächeln wurde unmerklich schmaler.

"Der Senat hat beschlossen, damit die Diakonie zu unterstützen.", informierte er mich zögernd.

"Der Senat unterstützt die Diakonie, indem er mich zwingt, in meiner Not (und das war es langsam) 50 Cent zu bezahlen?"

Schulterzucken.

"Auch, wenn ich 50 Cent lieber in eine Mahlzeit investiere?" Ich dachte an die Armen draußen.

Erneutes Schulterzucken.

"Gehen die Senatoren denn selbst auf diese Toilette?"

Kopfschütteln.

"Wenigstens einer?!"

Langsam erboste mich dieses Spiel dann doch, und ein wütender Löwe, auch einer in Menschengestalt, wirkt auf viele Menschen... nun, förderlich.

 

Der Mann erklärte mir nun sehr hilfsbereit, er und seine Kollegen hätten angeboten, die hauseigenen Toiletten für Besucher zu öffnen, doch "die oben" wollten dies nicht.

 

Als ich wieder aus dem Rathaus trat, überlegte ich, meine Markierung an das Rathaus zu setzen. Der uniformierte Wachtmann wäre hinzugekommen und hätte mir Vorhaltungen gemacht, doch auch, wenn ich meinen Spaß an ihm gehabt hätte: Er ist es doch nicht Schuld und befolgt nur seine Weisungen.

Und als ich darüber nachdachte, schien das das Problem der Menschen zu sein... Ich besann mich und beschloss, dass es dieses Mal nicht reichen würde, Einzelne zu anzusprechen. Der Vorfall hatte mir gezeigt, dass ich zu Vielen sprechen müsste.

So erlernte ich Techniken und Möglichkeiten dieser Zeit, um meiner Pflicht als Löwe der Stadt nachzukommen. Denn das ist ganz deutlich:

 

Die Menschen müssen wieder lernen, die Freiheit würdig zu hüten.

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Über mich

Nach Jahrzehnten bin ich wieder einmal von meinem steineren Sockel gestiegen und streife in Menschengestalt durch die Freie und Hansestadt. Vieles hat sich seit damals verändert, in der Politik, der Gesellschaft und in den Menschen daselber. Manches ist erfreulich, vieles jedoch nicht. Daher will ich, wo ich mich nun in der Sprache und den Gerätschaften dieser Zeit zurechtfinde, meine Stimme erheben und des Löwen Meinung sagen: Wie einst will ich das Gute und Gerechte loben und das Schlechte anmahnen, damit, wer mich höre, sich besinne und eine Meinung bilde. Solange nun bleibt eine Seite des Wappens leer...

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